Stuttgart als Zusammensetzspiel

Stuttgart als Zusammensetzspiel

Eine Videospur in die Festung der Einsamkeit

Mit einer Reihe von Videobeiträgen, die ab 8. Juli 2021 wöchentlich um 18 Uhr auf unserer Website und auf unserem YouTube-Kanal ihre Premiere feiern werden, versucht Begleitbüro SOUP, die Modellwelt von Wolfgang Frey in Richtung Weltmodelle zu erweitern. Künstler und Nicht-KünstlerInnen, Prominente und weniger Prominente, Stuttgarter und Nicht-StuttgarterInnen blicken aus unterschiedlichen Perspektiven auf die Stadt und ihre Sehnsucht nach Modellhaftigkeit. Es geht in den verschiedenen Beiträgen um spannende Geschichten, um Stadtpolitik, um seltsame Objekte und radikale Projekte, die vielleicht nur in dieser Stadt möglich waren. Die Bezüge der Videos zum Freyschen Stadtmodell sind von unterschiedlicher Evidenz, in jedem Fall aber vorhanden. Jeder der Beiträge kann als Mosaikstein verstanden werden zu einem Bild von Stuttgart, das es so noch gar nicht gab.


Video Numero 3

FREY ÜBER DIE SCHULTER GESCHAUT

In Wolfgang Freys ehemaligem Hobbybunker sind wir vor zwei Jahren in einem Raum direkt unter der Rolltreppe auf eine Menge verstaubter VHS-Kassetten gestoßen. Die meisten davon dienten offenbar der bloßen Unterhaltung, so etwa eine größere Sammlung der legendären Science-Fiction-Serie „Raumpatrouille Orion“. Drei dieser Kassetten erwiesen sich jedoch als für unser Projekt besonders wertvoll. Es handelt sich dabei um private Aufnahmen aus den Jahren 1996 und 1998. Im ersten Video ist Frey bei der Arbeit an seinem Modell zu sehen. In den beiden anderen führt er selbst die Kamera, so dass wir zu Zeugen werden, wie akribisch er sich die Wirklichkeit angeeignet hat, mit deren Nachbau er zeitlebens beschäftigt war, und wie dieser Nachbau mehr und mehr zu seiner primären Wirklichkeit wurde.

Wir zeigen zunächst Tape 1: „Ruine mit Turm“ (1998). Zu sehen sind in diesem von Wolfgang Frey selbst gedrehten und kommentierten Video die Reste des ehemaligen Güterbahnhofs sowie ein Rundblick vom Bahnhofsturm über Gleisgelände und Innenstadt. Zum Schluss sieht man aus der Perspektive einer Überwachungskamera das Foyer in der Schwabstraße. Mit einem gewaltigen Nieser scheint sich der Bewohner dieses staubigen Schattenreichs an uns, die Nachwelt, zu adressieren.
Die zwei anderen Tapes folgen zu einem späteren Zeitpunkt.


Video Numero 2

Was treibt Superman in seiner „Festung der Einsamkeit“

Mit dem Video Numero 2 startet Alexander Sowa seine Interviewreihe „Background“. Mit Michael Gompf spricht er über Modelle und Aspekte ihrer Funktion, von der Täuschung bis zur Theorie. Modelle und somit auch Modellwelten/Weltmodelle eint ihr Zweck, die Komplexität von Wirklichkeit so weit zu reduzieren, dass sie zu verstehen und zu planen ist. „Nie wieder wird die Zukunft so gut aussehen wie mit den Bauten des Brasilianers“- Mit diesem denkwürdigen Satz kommentierte die Schriftstellerin Carmen Stephan einmal Oscar Niemeyers weltberühmte Brasilia-Architekturen und spricht damit indirekt auch das allen Architekturmodellen innewohnende Potenzial zur Täuschung an. Modelle dienen nicht nur der Erkenntnis, sondern auch der Verführung. Dieser Doppelcharakter ist ihnen immanent. Im Interview spannt Michael Gompf den Bogen von der Comicfigur Superman, die sich nach ihren Abenteuern in ihre „Festung der Einsamkeit“ zurückzieht und beim Betrachten der Miniaturstadt Kandor über ihre Identität sinniert, hin zu Constants Modellen von „New Babylon“, die keine Utopie formulieren, sondern eine Reflexion über die Möglichkeiten zukünftiger gesellschaftlicher Strukturen anregen wollten.


Video Numero 1

Der Kolumnist und Stadtflaneur Joe Bauer berichtet im ehemaligen Stellwerk von Wolfgang Frey über den verschwundenen Nachlass des lange Zeit in Stuttgart tätig gewesenen Künstlers K R H Sonderborg. Dieser hatte es mit seiner Informel-Malerei nicht nur zu internationalem Ruhm gebracht, sondern als Professor an der hiesigen Kunstakademie (1965 – 1990) auch einen großen Einfluss auf mindestens zwei Generationen angehender KünstlerInnen ausgeübt – und sei es auch nur durch den Glanz seiner Abwesenheit. Eine spannende Geschichte, die nochmal ein neues Licht wirft auf die Frage, was genau Stuttgart dem Rest der Welt zu bieten hat.

Modellwelten / Weltmodelle Stuttgart

AK2 INSIDE OUT
MODELLWELTEN / WELTMODELLE Stuttgart

Ein Schaufensterdiorama mit Videos und Objekten von
Begleitbüro SOUP (Stuttgarter Observatorium urbaner Phänomene)
und weiteren am Projekt beteiligten KünstlerInnen

Ausstellung (von außen einsehbar) 30.4. – 30.5.2021
Aktives Schaufenster täglich 17 – 21 Uhr

Galerie AK2
Lorenzstaffel 8
70182 Stuttgart


(1): Das Stellwerk
In seiner Freizeit trägt der Fahrdienstleiter am liebsten eine Anglerweste

Der Eisenbahnangestellte Wolfgang Frey (1960 – 2012) arbeitete viele Jahre als Fahrdienstleiter im Stuttgarter Hauptstellwerk. In seiner Freizeit erbastelte er sich in einem 450 Quadratmeter großen, öffentlich nicht zugänglichen Zwischengeschoss einer S-Bahn-Haltestelle eine nur für ihn selbst bestimmte Zweitwelt – bestehend aus einem exakten Nachbau der Stuttgarter Gleislandschaft mit Gebäuden, Straßen und Menschen im Maßstab 1 : 160 sowie einer originalgetreuen und funktionsfähigen 1 : 1-Replik seines Arbeitsplatzes zur Steuerung der riesigen Modellanlage. Ein Szenario, das die Begriffe Modelleisenbahn und Hobbykeller weit übersteigt. Nach dem frühen Tod ihres Erbauers wurde die Anlage nach Herrenberg verkauft und ist dort seit 2017 im “Stellwerk-S“ der Öffentlichkeit zugänglich.

Die Stuttgarter Künstlergruppe Begleitbüro SOUP (Stuttgarter Observatorium urbaner Phänomene) hat am Entstehungsort der Anlage, wo noch zahlreiche zum Kontext des Stadtmodells gehörende Fragmente und Materialien verblieben sind, eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Gründen und Abgründen dieses Paralleluniversums angestoßen und lädt seit 2018 Künstlerinnen und Künstler ein, sich mit eigenen Arbeiten daran zu beteiligen. Die Schaufensterinstallation gibt einen assoziationsreichen Einblick in diese sich permanent weiterentwickelnde Zwischenwelt.

→ www.galerie-ak2.de

Zoom-Eröffnung der Ausstellung am 30.4.2021:


Hier die Videos, die in der Ausstellung zu sehen sind:

„Eine Festung der Einsamkeit“
Michael Gompf | Wendeschleife Schwabstrasse
Jens Lyncker | 12:35 (Normalzustand im Untergrund)