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Lichtinstallation BRASILIEN

Stuttgart als Scheinanlage

Begleitbüro SOUP unternimmt als Beitrag zu dem Kunstfestival „Current – Kunst und urbaner Raum“ den Versuch, den Unterschied zwischen einer Stadt und ihrer Attrappe grundsätzlicher zu bedenken und in Form einer Lichtinstallation dafür zu werben, derlei Überlegungen gerade auch im Umfeld des Stuttgarter Hauptbahnhofs anzustellen. Die Leuchtschrift soll hier nicht primär auf ein fernes Land verweisen, sondern auf das, was sich jenseits und unterhalb dieser Leuchtschrift abspielt. BRASILIEN könnte das Codewort sein für sämtliche Versuche, eine Stadt unmerklich durch ihre Attrappe zu ersetzen.

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Der Nachlass von Wolfgang Frey | Präsentation II

Begleitbüro SOUP

lädt ein zur Eröffnung der Ausstellung

Der Nachlass von Wolfgang Frey

Präsentation II

Freitag, 9. Oktober 2020

ab 19 Uhr


Mit neuen Arbeiten von

Matthias Beckmann

Ulrich Bernhardt

Michael Gompf

Kurt Grunow

Barbara Karsch-Chaïeb

Jens Lyncker

Andreas Mayer-Brennenstuhl

Karin Sander

sowie einer Video-Zusammenschau der Arbeiten von

Bazon Brock

Böller und Brot

Michael Gompf

Klaus Illi

Kai D. Janik

Michael Kiedaisch

Eva Schmeckenbecher

ststs


Es gelten die coronabedingten Hygienemaßnahmen

Stellwerk-S

Nagolder Straße 14

71083 Herrenberg

Öffnungszeiten:

Dienstag-Freitag

14-19 Uhr

Samstag und Sonntag

12-17 Uhr

www.stellwerk-s.de


Neben dem Herzstück der gigantischen Modelleisenbahnanlage, an der Wolfgang Frey (1960 – 2012) von 1978 bis zu seinem Tod tagtäglich gearbeitet hatte, sind im Stellwerk-S (Herrenberg) seit 2019 nun auch künstlerische Arbeiten zu seinem umfangreichen Nachlass zu sehen. Im Rahmen des Gesamtprojektes „Eine Festung der Einsamkeit“, das die Künstlergruppe Begleitbüro SOUP in Zusammenarbeit mit Künstlern unterschiedlicher Sparten betreibt, wird nun am Freitag, den 9.10.2020, die Präsentation II mit Werken weiterer Künstler gezeigt.

Flyer zur Ausstellung als pdf

Sylvia Winkler: Stelltafelplan(e)

Digital nachbearbeitete Bleistiftzeichnung auf Grundlage von Wolfgang Freys Plan der Stelltafel des Stuttgarter Hauptbahnhofs.

Freys technische Zeichnung wird zum Träger seines eigenen Narrativs: Passagen aus seinen Artikeln in der MIBA (Zeitschrift für Miniaturbahnen) 2003 und 2005 sind anstelle und in der gleichen Farbe wie die in der Stelltafel markierten Zugstraßen gesetzt. Die Beschreibungen des Beginns seiner Modellbautätigkeit, des Einzugs in den Schwabstraßen-Keller sowie von Details seiner Bastelarbeit verdichten sich zu einem Resümee seiner ‚Lebensaufgabe‘.

Die Zeichnung wird in der Originalgröße der Stelltafel ausgedruckt und im Stellwerksnachbau im Frey-Keller an deren Stelle präsentiert.

Print auf PVC-Plane: 820×170 cm

Karin Sander: Zwischengeschoss C2 / Raumvolumen / 5.3.2020

3D- Inkjet Prints
Material: Polymergips
in Zusammenarbeit mit Adam Kyrik, ETH Zürich

Die aus einem Scan sämtlicher Schwabstraßen-Räumlichkeiten hervorgegangenen 3D-Prints zeigen den konkreten Ort, an dem Freys Modellwelt entstanden ist, in Form von vier massiven Blöcken aus Polymergips. Vom eigentlichen Inhalt der Räume ist nur das zu sehen, was der Scanner an deren Rändern erfasst hat. Sämtliche anderen visuellen Informationen über die in den Räumen befindlichen Objekte bleiben im Gipsbett eingeschlossen und könnten nur durch dessen Zerstörung freigelegt werden. Insofern bilden diese hybriden Bildkörper das Modell einer vollkommenen Konservierung, wie sie sonst nur bei Versteinerungen vorkommt, und gleichzeitig liefern sie uns an ihren Grenzflächen die Illusion, von innen beleuchtet zu sein. (HW)

Barbara Karsch-Chaïeb: Anwender

Anwender* ist der Titel für die Arbeit der Künstlerin Barbara Karsch-Chaïeb. Das Wort hat sich auf einem Aufkleber auf einer Floppy-Disc aus dem Nachlass von Wolfgang Frey gefunden. Das Werk besteht aus mehreren Teilen. Für die Floppies** wurde eigens ein Holzkasten gebaut, um sie (für eine weitere Ewigkeit?) aufzubewahren. Ähnlich einem Karteikasten in Archiven. Dieser Kasten ist einsehbar und kann sowohl aufgestellt wie an die Wand gehängt werden. Die Disketten sind aus einer anderen Zeit, sie beherbergen Informationen und Spiele, die nur zum Teil noch gelesen werden können, niemand weiß, ob die Beschriftungen mit dem Inhalt der Disketten übereinstimmen. Sie sind teilweise in schöner Handschrift oder grob aufgekritzelt. Genau diese handschriftlichen Notate haben die Künstlerin angesprochen, erinnern sie doch an kleine Zeichnungen, Spuren und Abdrücke, die absichtlich, oder auch zufällig (aus Unachtsamkeit) entstanden sind. Diese Spuren sind letztendlich wirkliche Hinterlassenschaften von Wolfgang Frey (auf Speichermedien, die heute nicht mehr verwendet werden können). Sie zeigen ebenfalls, welche Rolle die Zeit in seiner Arbeit gespielt hat. Viel zu kurz war sie, um die Informationen auf den Disketten oder nur einen Bruchteil davon zu nutzen. Nie ausreichend, um sein Lebenswerk, ein Modell, fertig zu stellen, denn die ständige Umwandlung des Stadtraumes ließ und lässt dies gar nicht zu.


Anwender, 2020
Kasten mit Disketten (171 Stück), 53 x 16 x 15 cm
Plexiglas mit Aufschrift Anwender.
Plakat, Größe flexibel druckbar
Projektion der Disketten per Beamer an eine Wandfläche


Das Plakat zeigt diese gesammelten Fundstücke in vergrößerten Ausschnitten. Variabel kann es in den Größen DIN A3 oder DIN A2 ausgedruckt und gehängt oder – in größeren Auflagen gedruckt – mitgenommen werden.


*Ein Anwender ist jemand, der etwas (besonders ein Programm) anwendet, verwendet. Heute wird eher von User oder Userin gesprochen (aus dem Duden)

**Das englische Wort Floppy wird im Deutschen als Abkürzung von floppy disk drive (kurz: FDD) für das Diskettenlaufwerk verwendet. Manchmal auch, wie im Englischen üblich, als Kurzform für floppy disk (kurz: FD), also die Diskette (wikipedia).

Andreas Mayer-Brennenstuhl: Vorschein-Modelle

VORSCHEIN-MODELLE (DOMNICK-BUNKER meets FREY-BUNKER) 2003/2019

Das von Andreas Mayer-Brennenstuhl gefertigte Modell des Gebäudes der „Sammlung Domnick“ (erbaut 1967 von Paul Stohrer) wurde mit einer Audio-Installation bestückt, auf der die Stimme des Kunstsammlers und Filme-Machers Domnick in sehr pathetischem Ton über die Rolle der „Modernen Kunst“ in der Nachkriegszeit spricht. (Text-Auszüge aus verschiedenen Filmen von Ottomar Domnick) Er bezieht sich dabei auf die seinerzeit aktuelle Idee der Avantgarde-Funktion der Kunst, d.h. der Kunst als „Vorscheinmodell“ einer besseren Zukunft.

In der „Villa Domnick“ in Nürtingen wurde 2016 der Film „Dolores“ gedreht (Regie: Michael Rösel), darin wird ein interessanter Gedanke verfolgt: Der Hauptprotagonist Georg ist Modellbauer und bekommt von der Besitzerin der Villa den Auftrag, das Haus so perfekt wie möglich als Modell nachzubauen. Georg, der sich in seine Auftraggeberin verliebt hat, stellt zufällig fest, dass er die physische Realität in der Villa mittels seines Modells manipulieren kann. Gegenstände, die er in seinem Modell verschiebt, verschieben sich auch in der Wirklichkeit., der Nachbau der Wirklichkeit wird so zu einem „Vorscheinmodell“.

Dieser Gedanke, dass Modelle nicht nur als „Nachbild“ der Realität zu sehen sind sondern eben auch – im Sinne des Avantgarde-Kunst-Verständnisses – als Vorschein-Modelle betrachtet werden können, bringt einen interessanten Aspekt in die Beschäftigung mit dem Modell des Stuttgarter Hauptbahnhofes von Wolfgang Frey: Was wäre, wenn das Modell kein Nachbau ist – also einen vergangenen Zustand abbildet – sondern ein Vorschein-Modell, das die Zukunft des Stuttgarter Hauptbahnhofes abbildet? Wäre es dann vielleicht möglich, dass das Projekt S21, d.h. der neue unterirdische Bahnhof mit allen seinen urbanen Begleiterscheinungen – urplötzlich von der Bildfläche verschwindet und der Zustand vor 2010 wieder erscheint? Könnte sich so der Traum vom „OBEN BLEIBEN“ vielleicht doch noch realsieren?

Zumindest einen Versuch ist es Wert.

Das Wolfgang-Frey-Projekt

Kunst ohne Publikum

Von 1992  bis zu seinem Tod baute der Eisenbahnangestellte Wolfgang Frey (1960 – 2012) mitten in Stuttgart, in dem 450 Quadratmeter großen Zwischengeschoss C2 (tief) der S-Bahn-Haltestelle Schwabstraße, an einer einzigartigen, andernorts bereits 1978 begonnenen Modelleisenbahnlage, die aufgrund ihrer Detailliertheit inzwischen Berühmtheit erlangt hat, obwohl nur wenige Eingeweihte die Anlage je im Original gesehen hatten. Die Anlage wurde vom Gleisfeld des Stuttgarter Hauptbahnhofs aus entwickelt und reichte zum Schluss bis nach Bad Cannstatt und zum Westbahnhof. Um diese riesige Anlage steuern zu können, hatte Wolfgang Frey im Vorraum zudem noch in mühevoller Kleinarbeit eine exakte 1:1 – Replik seines Arbeitsplatzes im Stuttgarter Hauptstellwerk erstellt, mit sämtlichen elektronischen Steuerkonsolen und der riesigen Schalttafel. Fast drei Jahrzehnte lang pendelte er tagtäglich zwischen Arbeitsplatz und „Hobbybunker“ hin und her, bis er sich schließlich fast nur noch in dieser unterirdischen Enklave aufhielt und kaum mehr in der Außenwelt auftauchte.

12:35 – Normalzustand im Untergrund

One-Take-Video. Jens Lyncker, 2020

Zwanzig Jahre lang arbeitete Wolfgang Frey weitgehend alleine und im Verborgenen. Die aktuellen Einschränkungen hätten ihn kaum tangiert. Die von allen Seiten eindringenden Geräusche repräsentierten in dieser fensterlosen Situation die Außenwelt in Form eines nie ganz verebbenden Livestreams.

Der Nachlass von Wolfgang Frey | Präsentation I

Begleitbüro SOUP (Stuttgarter Observatorium urbaner Phänomene)

im

Stellwerk-S
Herrenberg

Der Nachlass von Wolfgang Frey
Präsentation I

mit Beiträgen von

Bazon Brock
Michael Gompf
Kurt Grunow
Jens Lyncker
Eva Schmeckenbecher
Peter Schmidt
Josh von Staudach

Stellwerk-S, Nagolder Straße 14, 71083 Herrenberg, Tel.: 07032 287992
info@stellwerk-s.de

www.stellwerk-s.de

Neben dem Herzstück der gigantischen Modelleisenbahnanlage, an der Wolfgang Frey (1960 – 2012) von 1978 bis zu seinem Tod tagtäglich gearbeitet hatte, werden im Stellwerk-S (Herrenberg) ab dem 28. Juli 2019 nun auch Teile seines umfangreichen Nachlasses zu sehen sein. Als Teil des Gesamtprojektes „Eine Festung der Einsamkeit“, das die Künstlergruppe Begleitbüro SOUP derzeit in Zusammenarbeit mit Künstlern unterschiedlicher Sparten betreibt, wird dieser Nachlass nach und nach einem künstlerischen Reflexionsprozess ausgesetzt, um so die Frage nach dem Wirklichkeitsgehalt dieses Stuttgart-Modells produktiv zu erweitern.

Näheres zum Gesamtprojekt hier

Eröffnung 28. Juli 2019

Andreas Langen, SWR2 »Journal am Mittag« vom 29.7.2019

Carolin Klinger, Stuttgarter Zeitung vom 28.7.2019

https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.stellwerk-s-in-herrenberg-eine-im-bunker-erschaffene-wunderwelt.8a431ec5-ae68-4d26-99a9-a2ba34f22c53.html

Dietrich Heißenbüttel, KONTEXT:Wochenzeitung, Ausgabe 435 vom 31.7.2019

https://www.kontextwochenzeitung.de/schaubuehne/435/ein-leonardo-der-zeit-6088.html

Kai D. Janik: Zwischen

Den Großteil seines Lebens, hat Wolfgang Frey an einem detailgetreuen Modell von Stuttgart gebaut. Auch seinen Arbeitsplatz im Stellwerk Stuttgart baute er im Zwischengeschoss der S-Bahn-Haltestelle, in der das Modell entstand, 1:1 nach.

Ich untersuche die Orte, die das Modell meiner Wahrnehmung nach verbindet: Das verlassene, von der Öffentlichkeit ausgeschlossene Zwischengeschoss, das Spuren des Abbaus der Anlage trägt und neben übrig gebliebenen Fragmenten der Arbeit auch den Arbeitsplatz und persönliche Gegenstände von Frey z.B. in seiner Werkstatt unter den Rolltreppen beinhaltet. Die Stadt Stuttgart, voll mit Häusern, Menschen und Lärm, sowie die ausgestellte Anlage in Herrenberg.

Das Video ist als loop konzipiert.

Klaus Illi: Alles geben / Scheitern (Sisyphos)

Zwei Atemobjekte Ø 26cm, 2000/2019, pneumatische Ventile, Gebläse, Steuerung, Sensor, zwei Trillerpfeifen, pneumatische Ventile, Schläuche, Stativ, 2019


Hinter dieser Rolltreppe am Nordausgang der S-Bahn-Haltestelle „Schwabstraße“ befindet sich der geheimnisvolle „Freyraum“.

Eines der dort befindlichen Modellanlagenfragmente Freys ist diese ca. 2m hohe und ca. 1,5m breite Platte mit Pragfriedhof, einem Teil des Krematoriums und rechts oben die seit 2006 bestehenden Gedenkstätte „Nordbahnhof“ als Brachfläche.

Diese Platte lehnt gegen zwei Atemobjekte: das Anlagenfragment wird durch zwei schwarze Atemmembranen in Bewegung versetzt – die Membranen müssen gegen diese Last „anatmen“. Der hier vorgestellte Atemvorgang ist mehrdeutig. Einerseits liegt die Last der deutschen Geschichte im Plattenfragment offen zutage, andererseits ist das Atmen gegen Last ein alltäglicher, quasi sisyphoshafter Vorgang, der auch gerade das Künstlerdasein mit seiner Selbstausbeutung charakterisiert. Der Atem gegen Last könnte auch als Atem der Unterdrückten, der Opfer verstanden werden. Zuförderst aber bildet es m.E. einen Teil des Lebensgefühls und der Existenz der spezifisch deutschen „Nachgeborenen“ ab, die mit dieser belastenden Geschichte leben.

Der Ausatmemstrom der beiden Atemobjekte wird durch die Last des lehnenden Plattenfragments komprimiert und strömt gepresst und zeitlich verkürzt in den „Freyraum“ – oder aber in zwei Trillerpeifen, die sich in ca. 10m Entfernung unter der gigantischen Rolltreppenmechanik (siehe Bild) befinden und den abwärts- oder aufwärtsfahrenden Rolltreppenbenutzer zuweilen aufhorchen lassen mag. Der helle Lichtschlitz mit dem mahlenden Kettengeräusch läßt im wahrsten Sinn tief blicken und erinnert an den Sog des „deep throat“.Das Whistleblowing verstanden als Aufschrei und ohnmächtiger Protest gegen die gewaltige „machina mundi“, gegen das übermächtige „Weltgetriebe“, als Manifestation von Unterdrückung und gleichzeitig als Bedürfnis nach Befreiung, vielleicht auch als versuchter Kommunikationsakt.

Detail Platte oben rechts:
Hier befanden und befinden sich im rechten Streifen tatsächlich fünf Abstellgleise mit Prellböcken – seit 2006 ausgebaut zur Gedenkstätte für die Deportation der Stuttgarter / Württemberger Juden am Nordbahnhof, siehe Bild unten.
Frey hatte hier eine beachtliche Erinnerungslücke. Er hat diesen Teil der Anlage wohl vor 2006 gebaut, aber seine Gleisversion ist hier erstaunlich unpräzise und weist nur ein Gleis auf.
„…Am 14. Juni 2006 wurde die Gedenkstätte offiziell der Öffentlichkeit übergeben. Der Architekt Ostertag sagte über die Gedenkstätte „Zeichen der Erinnerung“: „Wir werden uns fragen lassen müssen, warum wir mehr als 64 Jahre brauchten, um uns hier der Vergangenheit zu stellen.“
https://de.wikipedia.org/wiki/Gedenkst%C3%A4tte_%E2%80%9EZeichen_der_Erinnerung%E2%80%9C_am_Nordbahnhof_Stuttgart

Ansicht Gedenkstätte Nordbahnhof Stuttgart von Norden betrachtet (Bildquelle: Wikipedia / Stefan Frerichs; CC BY-SA 2.0).



„Making of“

2 schwarze Atemobjekte mit Whistles – Erste Versuche, mit Atemobjekten und Whistles für das Stellwerk zu experimentieren (work in progress).

→ Website Klaus Illi

Michael Gompf: Wendeschleife Schwabstraße

Die Schwabstraße ist eigentlich heute keine echte Endstation mehr, wiewohl manche Züge dort enden und in die Wendeschleife unter den Berg gelenkt werden. In gewisser Weise ähnelt dies dem Einfahren und Wiederauftauchen von Modellbahnen in die dazugehörigen Schattenbahnhöfe. Diese ursprünglich in der Unterkonstruktion unter der Modelloberfläche verborgene Ebene fiel dem Transfer des Herzstücks der Frey´schen Anlage in das Stellwerk S in Herrenberg zum Opfer. Was von dieser 2. Etage der Modellwirklichkeit sich noch verstreut unter den übrigen Resten der Unterkonstruktion im Zwischengeschoss C2 (tief)befand, wurde gemeinsam mit diesen zu einem Kenotaph für Wolfgang Frey verdichtet. Einsam durchstreifte nun eine kleine Lok die Engstellen und Hochflächen des Kenotaphs, überquerte auf improvisierten Trassen zurückgelassene Konstruktionsreste und passierte dabei für sich genommen bestaunenswerte Reste des Stadtmodells von Stuttgart, die zusammenhangslos im Dunkel auftauchten. Das die Fahrt dokumentierende und an eine Koloskopie erinnernde Video, vermittelt einen ganz eigenen Blick auf die Dimensionen dieser Festung der Einsamkeit.

Jens Lyncker: Relikte (C2), I – XXIV

Die Räume, in denen Wolfgang Frey von 1992 bis 2012 nicht nur ein ungefähr 180 qm großes Modellbahnabbild von Stuttgart im Maßstab 1:160, sondern auch eine exakte 1:1 Nachbildung des Zentralstellwerks schuf, beherbergen – nach Abbau und Verbringung des „Filetstücks“ um den Hauptbahnhof nach Herrenberg – heute neben Fragmenten der Modellbahn und des Stellwerks zahllose Relikte, die nicht nur vom Wirken, sondern auch vom Leben des Wolfgang Frey zeugen.

Für die Serie „Relikte (C2)“ wurden 24 Gegenstände aufgrund ihres inhaltlichen und formalen Potenzials ausgewählt. Die Spuren der Zerstörung und Vernachlässigung, die sich an den Objekten zeigen, stehen im Kontrast zur vom Kontext befreiten Hochglanzästhetik der Fotografien, durch die sie ihre wahre Bedeutung erfahren.

Matthias Beckmann: Unter Tage

Ein Zeichnungsprojekt

1986 konnte ich unter Tage im Bergwerk Moers-Repelen zeichnen. Ein erfahrener Steiger begleitete mich, erklärte mir alles und führte mich zu den Orten meiner zeichnerischen Tätigkeit – und am Ende der Schicht wieder hinauf ans Tageslicht.

In der S-Bahn-Station Schwabstraße ist der Abstieg einfacher. Auf halbem Weg hinunter öffnen sich mit einem besonderen Schlüssel die Räume, in denen Wolfgang Frey unten ein Abbild der Welt oben schuf.

Doch sieht es hier nicht mehr so aus, wie der Schöpfer dieser Unterwelt die Räume verlassen hat. Nur noch Fragmente der monumentalen Miniaturbahn stehen herum. Große Teile des Unterbaus der Bahnanlagen wurden zu einem Kenotaph gestapelt. Monitore, Schalttafeln, Hölzer, Leitungskabel und verschiedene Materialien und Objekte führen ein Eigenleben. Dazu kommen die Interventionen der Künstler, die sich mit dem Werk Freys beschäftigen.

Meine zeichnerische Dokumentation zeigt den Ort, wie er sich mir darbot. Die Zitate von Wolfgang Frey habe ich seinem Bericht „Stuttgarter Bahnhöfe – N-Anlage exakt nach Vorbild“ der Zeitschrift „MIBA Anlagen 8“ aus dem Jahr 2005 entnommen – ein Fachblatt für Miniaturbahnen. Die Zuordnung der Zitate geschah rein intuitiv.

Eva Schmeckenbecher: Gedicht, Szene, Song

Im riesigen Zwischengeschoss einer Stuttgarter S-Bahn-Haltestelle hat Wolfgang Frey über viele Jahre hinweg ein Modell von Stuttgart erbaut – bis ins kleinste Detail: (s)ein Lebenswerk.
„Gedicht, Szene, Song“ besteht aus drei Teilen – aus drei Versuchen, dem nachzuspüren, was dieses Werk mit Besessenheit, Einsamkeit und Verzweiflung, aber auch mit Erfüllung und Gelassenheit zu tun hat.

Die Kamera zeigt jeweils einen Stapel Fotos, der Bild für Bild abgetragen wird.
Auf der Rückseite der Fotos sind Textfragmente von Franz Hohler, Faithless und Sarah Kane zu lesen. Sie verbinden die Motive -Reste der nachgebauten Stadt- mit inneren Welten.