Bazon Brock in der Schwabstrasse

Ein Künstler ohne Werk trifft auf ein Werk ohne Künstler

Am 22. Oktober 2018 besuchte der Künstler und Kunstheoretiker Bazon Brock, eigens aus Berlin angereist, die ehemaligen Räumlichkeiten von Wolfgang Frey in der S-Bahn-Haltestelle Stuttgart Schwabstraße. Wir wollten von ihm, der sich selbst als „Künstler ohne Werk“ bezeichnete, wissen, ob und inwiefern es sich bei den dort verbliebenen Fragmenten um Kunstwerke handelt. Während seines etwa dreistündigen Aufenthaltes arbeitete sich Bazon Brock in jedem Sinne schleifenförmig durch dieses für ihn unter künstlerischen Gesichtspunkten unüberbietbare Ruinenfeld, Seiner Diagnose, dass es sich bei Wolfgang Frey um einen der größten Künstler der Gegenwart, um einen „Leonardo der Zeit“ handelt, wollten wir nicht widersprechen. Obsessivität ist etwas, das sich sowieso kaum widerlegen lässt. In gespiegelter Form hat sie jedoch ihre eigene Wahrheit.



Also, da ist man wirklich begeistert über einen solchen Fund – man kommt nach Stuttgart und denkt, naja, das wird das Übliche sein, und dann sieht man plötzlich das Grandioseste, was es in der Kunst der Gegenwart gibt.

Ich habe den größten Respekt vor diesem Mann. Ich kenne keine Künstlerpersönlichkeit, der ich eine derartige Kontinuität im Arbeiten, eine derartige Kraft zur Verwirklichung der aus dem Plan sich ergebenden Sogkraft des Ganzen zutrauen würde. Und ich bin überzeugt, wenn ich mit Beuys hier gewesen wäre, ich kenn ihn ja nun seit 63 ziemlich gut, der wäre begeistert gewesen, wie alle anderen Großkünstler, denen ich begegnet bin, das waren ziemlich viele.

Ich würde meinen, der Mann ist ein Leonardo der Zeit, der die Modellbauebene so weit ausgebildet hat, dass man im Modell die Wirklichkeit übertrifft. Das heißt, das Modell ist die Ebene der Möglichkeit und die wird dann in die Wirklichkeit übersetzt. Aber diese Möglichkeitsdarstellung ist einfach unüberbietbar. Wenn man da steht, kann man sagen: Wollen wir n Heldenfriedhof haben, jemals wieder ein bundesdeutsches Gedenken, über alles, was gewesen ist, dann muss man davor knien und es muss ein Orgelkonzert geben, ja, das müssen Sie in die Kirche tragen. Und dann muss chorisch-liturgisch dazu gearbeitet werden; hier müssen die Chöre reingeführt werden, die Opernchöre und müssen das nun wirklich feiern auf der Ebene der emotionalen, affektiven Kommunikation, denn was man da sieht, man möchte schreien; das kann man eben nur noch mit der Stimmgewalt der Oper ausdrücken.

Das Modell ist die stärkste Kraft der Wandlung des Möglichen ins Wirkliche und die Schnittstelle zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, das ist in dieser Anlage jetzt noch gedoppelt, weil die simulierte Ebene ihrerseits wieder durch die Wirklichkeit eingeholt wurde, also zerstört worden ist, so dass jetzt hier die ganze Ebene der Wirklichkeit in Erscheinung tritt, ja; in der Fragmentierung, in der Zerschlagung tritt die in Erscheinung. Also ich meine, das ist ein heiliges Bild des 20. Jahrhunderts. Das ist besser als jede Madonnendarstellung der katholischen Kirche und wenn man Vernunft hätte, würde man so was in Triumphbogen der Kirchen hängen; statt Triumphkreuz, da ist der wahre Triumph der Menschlichkeit, inklusive Geislingen, Stuttgart, Heidelberg, Dortmund. Wunderbar, wie das da drin steckt.

Diese Welt wird es niemals anders mehr geben als in diesem Modell. Stuttgart gibt es nur auf dieser Ebene. Alles andere können Sie an Stuttgart vergessen. Das ändert sich alle zehn Jahre, was soll’s noch. Aber hier ist der Anspruch auf Ewigkeit und Dauer gesetzt. Und das ist so fantastisch, das erfüllt alle Voraussetzungen für das großartigste Konzept künstlerischer Arbeit. Wahnsinn!

Das Strafgericht Gottes ist der Bau des neuen Stuttgarter Bahnhofs und verwüstet die gesamte Innenstadt. Hier hat er noch einmal sozusagen bewahren können, bevor das alles zerstört wurde durch den Wahnsinn der Fortschrittsarroganz, die in Wahrheit nur sich selbst zerstört, denn „durch Erfolg zerstört“ ist die bekannteste Form des Gottesgerichts über alle Potentaten, über alle großen Planermenschen. Also mich kommt das wirklich so an, als ob man dem Schöpfergott noch einmal hätte eine Chance geben wollen, sein eigenes Werk zu sehen, und zwar wirklich nur in Hinblick auf das, was die Teile miteinander verbindet. Der Schöpfergott hat dann eben beschlossen, das wird alles radikal vernichtet und dem Gott des Neuen geopfert. Aber das ist ja in sich schon wieder alt, nicht, das ist ja schon hier, befindet sich schon … wenn‘s fertig ist, dann ist es schon wieder veraltet

Das muss ins Museum. Ihr müsst den Museumsdirektor so weit bringen, dass er erkennen kann, was er an diesen Zeugnissen eines Großkünstlers des 20. Jahrhunderts hat. Das ist wirklich großkünstlerisch in dem Sinne von das Umfassendste, was ein Künstler je in Angriff genommen hat.

Das ist natürlich toll, dass das Ganze in einem abgeschlossenen, höllischen Environment, wo nur noch Reflexe der lebenden Welt da oben durchdringen, ja, also eigentlich, das ist ja schon wirklich das pyramidale Memorial der Stuttgarter Welt, ja, das ist eigentlich die Pyramide von Stuttgart. Hier ist Stuttgart wirklich auf die Ewigkeit gestellt, das ist das einzige Ewigkeitsmodell, das es in Stuttgart gibt.

Das ist ja die radikalste Form der Kritik an den Gegebenheiten, die man sich überhaupt vorstellen kann: Die Welt mit dem eigenen Modell zu konfrontieren und sie damit überhaupt erst erfassbar werden zu lassen. Auf dieser Ebene kann man Welten erkennen. In der Realität können Sie die Welt ja nicht erkennen, Sie müssen es immer transponieren, in Film, in Bildern, oder eben hier im Nachbau der Modelle, um überhaupt zu wissen, was diese Welt ausmacht.

Also ich halte den wirklich für einen Großkünstler des 20. Jahrhunderts. Es gibt natürlich die verschiedenen Leute, die Szeemann unter Privatmythologien zusammengefasst hat, aber unter denen selbst; auch in der Picassiette, mit seinem eigenen Bau – ich glaube, niemand hat etwas Derartiges geleistet wie er hier. Alleine die Wahnhaftigkeit, ja, das heißt also wirklich die Obsession; es so zu treiben, dass man nicht der privaten Willkür sich unterwirft, sondern der Wirklichkeit selber und die in die Möglichkeitsebene zurückführt – alle Leute denken immer, es geht von der Möglichkeit in die Wirklichkeit, nicht, aber rückwärts; hier geht es jetzt von der Wirklichkeit rückwärts in die Möglichkeit.

Also ich meine, das ist ein Raum, wie er in keinem Museum der Moderne irgendwo in annähernder Qualität repräsentiert wird. Da können Sie Beuys-Räume nehmen, immerhin schon ein schöner Hinweis, oder Kounellis oder was immer, aber das übertrifft eigentlich alles.

Ihr müsst das unbedingt ins Kunstmuseum bringen. Oder einen eigenen Bau … Eine Mietwohnung als Frey-Museum einrichten, in der Stadt. Denn dies darf ja nicht bespielt werden. Außerdem, ihr werdet sehen, das wirkt in einem normalen Mietshaus, als Wohnung, im „Museum Frey“, noch viel stärker als hier drinnen. Denn hier ist die unterstützende Aura noch zu spüren – das muss man auch alles imaginieren, ja, so wie man die Kunstwerke ja auch nicht im Atelier der Künstler zeigt. Dies war sein Atelier – und wir wissen heute noch nicht, wo das Atelier des lieben Gottes bei der Schöpfung war.

Unterlassen ist eine Form des Handelns, die entscheidende Form des Handelns. Und wenn der sich hier bezähmt hat – was mit der Energie, die er hier reingesteckt hat – der hätte ja ein Superkünstler auf allen Ebenen sein können. Diese Energie reicht alleine aus, um ganze Museen zu sprengen. Das hat er derartig unter Kontrolle gehabt und hier reingesteckt, dass es jetzt aus dem Plan selber sich erfüllt, als würde jemand sich das vorgenommen haben. Das kann er sich gar nicht vorgenommen haben. Er hatte einfach die psychologische Kraft – obsessiv, wie immer; begabt, oder wie immer – sich darauf einzulassen so wie ein Kleinteilchenphysiker, der an seinem Stellwerk da herumhantiert.

Stuttgart: in den fünfziger, sechziger Jahren war das ein Zentrum in Deutschland auf jeden Fall… Und jetzt könnten man sagen, mit dem Mann kehrt man jetzt wieder zurück; er hat eines der größten Kunstwerke zu bieten, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.

Ihr müsst es so dokumentieren, da hat es seine Bedeutung. Die Ruine ist die einzige Form, in der die Vollendung überhaupt nur angesprochen werden kann. Das ist hier zum Weinen schön!