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Kai D. Janik: Zwischen

Den Großteil seines Lebens, hat Wolfgang Frey an einem detailgetreuen Modell von Stuttgart gebaut. Auch seinen Arbeitsplatz im Stellwerk Stuttgart baute er im Zwischengeschoss der S-Bahn-Haltestelle, in der das Modell entstand, 1:1 nach.

Ich untersuche die Orte, die das Modell meiner Wahrnehmung nach verbindet: Das verlassene, von der Öffentlichkeit ausgeschlossene Zwischengeschoss, das Spuren des Abbaus der Anlage trägt und neben übrig gebliebenen Fragmenten der Arbeit auch den Arbeitsplatz und persönliche Gegenstände von Frey z.B. in seiner Werkstatt unter den Rolltreppen beinhaltet. Die Stadt Stuttgart, voll mit Häusern, Menschen und Lärm, sowie die ausgestellte Anlage in Herrenberg.

Das Video ist als loop konzipiert.

Michael Gompf: Wendeschleife Schwabstraße

Die Schwabstraße ist eigentlich heute keine echte Endstation mehr, wiewohl manche Züge dort enden und in die Wendeschleife unter den Berg gelenkt werden. In gewisser Weise ähnelt dies dem Einfahren und Wiederauftauchen von Modellbahnen in die dazugehörigen Schattenbahnhöfe. Diese ursprünglich in der Unterkonstruktion unter der Modelloberfläche verborgene Ebene fiel dem Transfer des Herzstücks der Frey´schen Anlage in das Stellwerk S in Herrenberg zum Opfer. Was von dieser 2. Etage der Modellwirklichkeit sich noch verstreut unter den übrigen Resten der Unterkonstruktion im Zwischengeschoss C2 (tief)befand, wurde gemeinsam mit diesen zu einem Kenotaph für Wolfgang Frey verdichtet. Einsam durchstreifte nun eine kleine Lok die Engstellen und Hochflächen des Kenotaphs, überquerte auf improvisierten Trassen zurückgelassene Konstruktionsreste und passierte dabei für sich genommen bestaunenswerte Reste des Stadtmodells von Stuttgart, die zusammenhangslos im Dunkel auftauchten. Das die Fahrt dokumentierende und an eine Koloskopie erinnernde Video, vermittelt einen ganz eigenen Blick auf die Dimensionen dieser Festung der Einsamkeit.

Jens Lyncker: Relikte (C2), I – XXIV

Die Räume, in denen Wolfgang Frey von 1992 bis 2012 nicht nur ein ungefähr 180 qm großes Modellbahnabbild von Stuttgart im Maßstab 1:160, sondern auch eine exakte 1:1 Nachbildung des Zentralstellwerks schuf, beherbergen – nach Abbau und Verbringung des „Filetstücks“ um den Hauptbahnhof nach Herrenberg – heute neben Fragmenten der Modellbahn und des Stellwerks zahllose Relikte, die nicht nur vom Wirken, sondern auch vom Leben des Wolfgang Frey zeugen.

Für die Serie „Relikte (C2)“ wurden 24 Gegenstände aufgrund ihres inhaltlichen und formalen Potenzials ausgewählt. Die Spuren der Zerstörung und Vernachlässigung, die sich an den Objekten zeigen, stehen im Kontrast zur vom Kontext befreiten Hochglanzästhetik der Fotografien, durch die sie ihre wahre Bedeutung erfahren.

Matthias Beckmann: Unter Tage

Ein Zeichnungsprojekt

1986 konnte ich unter Tage im Bergwerk Moers-Repelen zeichnen. Ein erfahrener Steiger begleitete mich, erklärte mir alles und führte mich zu den Orten meiner zeichnerischen Tätigkeit – und am Ende der Schicht wieder hinauf ans Tageslicht.

In der S-Bahn-Station Schwabstraße ist der Abstieg einfacher. Auf halbem Weg hinunter öffnen sich mit einem besonderen Schlüssel die Räume, in denen Wolfgang Frey unten ein Abbild der Welt oben schuf.

Doch sieht es hier nicht mehr so aus, wie der Schöpfer dieser Unterwelt die Räume verlassen hat. Nur noch Fragmente der monumentalen Miniaturbahn stehen herum. Große Teile des Unterbaus der Bahnanlagen wurden zu einem Kenotaph gestapelt. Monitore, Schalttafeln, Hölzer, Leitungskabel und verschiedene Materialien und Objekte führen ein Eigenleben. Dazu kommen die Interventionen der Künstler, die sich mit dem Werk Freys beschäftigen.

Meine zeichnerische Dokumentation zeigt den Ort, wie er sich mir darbot. Die Zitate von Wolfgang Frey habe ich seinem Bericht „Stuttgarter Bahnhöfe – N-Anlage exakt nach Vorbild“ der Zeitschrift „MIBA Anlagen 8“ aus dem Jahr 2005 entnommen – ein Fachblatt für Miniaturbahnen. Die Zuordnung der Zitate geschah rein intuitiv.

Eva Schmeckenbecher: Gedicht, Szene, Song

Im riesigen Zwischengeschoss einer Stuttgarter S-Bahn-Haltestelle hat Wolfgang Frey über viele Jahre hinweg ein Modell von Stuttgart erbaut – bis ins kleinste Detail: (s)ein Lebenswerk.
„Gedicht, Szene, Song“ besteht aus drei Teilen – aus drei Versuchen, dem nachzuspüren, was dieses Werk mit Besessenheit, Einsamkeit und Verzweiflung, aber auch mit Erfüllung und Gelassenheit zu tun hat.

Die Kamera zeigt jeweils einen Stapel Fotos, der Bild für Bild abgetragen wird.
Auf der Rückseite der Fotos sind Textfragmente von Franz Hohler, Faithless und Sarah Kane zu lesen. Sie verbinden die Motive -Reste der nachgebauten Stadt- mit inneren Welten.

Michael Kiedaisch: Der Keller

Improvisierte Musik

Unter Beteiligung aller Anwesenden, arrangiert und angeleitet von Michael Kiedaisch, kam am 06.06.2019 im Freykeller ein improvisiertes Musikstück zur Aufführung. Die Anweisung an die Mitspielenden lautete, verteilt im Raum je ein Xylophonholz innerhalb der vorgegebenen Zeitstruktur so anzuschlagen, wie ein Tropfstein Laute von sich gibt.

Instrumente:

1 Vibraphon

4 Klangschalen

Xylophonhölzer unterschiedlicher, zufällig gewählter Tonhöhen.

1 Wurfblech

Mörtelbruchstücke

Zeitstruktur:

10 Minuten Klangschalen (+ Vibraphon Improvisation)

Xylophonhölzer allmählich dazu kommend, dann 15 Min. nur Xylos (+ Vibraphon)

15 Minuten Klangschalen (+ Vibraphon), allmählich weniger Xylo, am Ende nur noch Klangschalen.

 

 

Citizen Kane Kollektiv: Stuttgart Wrackstadt

STUTTGART WRACKSTADT

Theaterperformance des Citizen.KANE.Kollektivs

(Link: https://citizenkane.de/PERFORMANCES/STUTTGART-WRACKSTADT)

„Es ist kein Naturgesetz, dass Daimler ewig besteht.“ erklärte Anfang 2019 der damalige Vorstandsvorsitzende der Daimler AG Dieter Zetsche. Stuttgarts Stern erlischt. Wir schauen dem Dinosaurier Automobilindustrie beim Sterben zu. Vor der Stadt, die sich an der Spitze der wirtschaftlichen Entwicklung sieht, tut sich ein Abgrund auf – und in diesem Abgrund zeigt sich eine düstere Zukunft. Stuttgart wandelt sich zu einer Stadt des Stillstands und der Angst. Menschen ziehen weg oder leben in Armut, die Infrastruktur zerfällt, Häuser und Fabriken stehen leer, Tiere und Natur erobern sich die Stadt zurück. Stuttgart wird endlich wirklich grün.

Eine Grundlage der Beschreibung Stuttgarts als Wrackstadt ist die Beschreibung des zerstörten Modells von Wolfgang Frey, wie es im Zwischengeschoss der Stadtbahn-Haltestelle Schwabstraße vorgefunden werden kann: „Das Licht scheint neonfarben, wirft diffuse Schatten. Spinnennetze spannen sich über die Wälder. Staub liegt auf den Straßen, wie kalte Asche. Kein Wind, der sie aufwirbeln könnte. Ein Auto liegt auf dem Dach im Park, ein paar Menschen liegen daneben. Straßen sind aufgerissen. Blanke Drähte ragen aus der Erde, es fließt kein Strom mehr. Ein Reh und ein Wildschwein stehen in der Fußgängerzone. Styropor bricht durch, eine Packeislandschaft, Stadtteile ragen wie Eisberge schräg heraus. Parks nach einem schweren Sturm. Schneisen umgeknickter Bäume. Grünes Chaos. Ganze Stadtviertel stehen Kopf, wie an eine Wand gelehnt. Löcher im Boden wie klaffende Wunden. Ein Dinosaurier steht vor einem Museum. Freie Parkplätze überall. Hinter ein paar Häusern hört die Welt auf, eine scharf gezogene Kante, ein Absatz ins Nichts.“

STUTTGART WRACKSTADT klingt wie ein Punksong. Mein Beruf, mein Haus, mein Auto, mein Geld: verloren! Unser Identifikationspotential, unsere Statussymbole: weg! Wir waren so satt und haben nur über zukünftige Verbrennung nachgedacht. Gewohnheit, Machtanspruch und Eigeninteresse haben uns zerstört. Wie könnte diese Stadt aussehen, wenn der Megakonzern sie nicht mehr im Innersten zusammen hält?

Premiere am 10. Juli 2019. Vorstellungen: 11. / 12. / 13. / 14. Juli 2019 im FITZ! Theater animierter Formen (Eberhardstraße 61 70173 Stuttgart)

Weitere Vorstellungen im April 2020.

Fotos: Alex Wunsch

Böller und Brot: Abschied

»Abschied«

Ein Stück Wolfang Frey in der Daumenkinoserie ZOOMS von Böller und Brot.
Folge Nr. 65, 201

Für die dokumentarische Daumenkinoserie »ZOOMS« fotografieren die Filmemacherinnen Sigrun Köhler und Wiltrud Baier der Künstlergruppe / Produktionsfirma »Böller und Brot« seit vielen Jahren scheinbar unspektakuläre Totalen.
Wie im Film »Blow-Up« von Michelangelo Antonioni ein Modefotograf durch extremes »Zoomen« in eines seiner Bilder eine Leiche hinter einem Busch findet, können auch in diesen über 60 Daumenkinos erstaunliche Details entdeckt werden.
Hier in der Folge Nr. 65 »Abschied« ein übrig gebliebener Rest des Stuttgart-Modells von Wolfgang Frey in einer Ecke der ursprünglichen Räumlichkeiten S-Bahn-Haltestelle Stuttgart-Schwabstraße.

ststs: Rack 1-2018 schleifen

Rack 1-2018 schleifen

Die Neonröhren an der Decke bleiben im hinteren Teil der unterirdischen Räumlichkeiten ausgeschaltet. Reste der Modellbahnanlage Wolfgang Freys stehen wie auf Stelzen in einem tunnelartigen Raum, an dessen Stirnwand ein DB-Werbeplakat mit dem Bild dreier ICE-Züge angebracht ist. Auf einem der Modellbahnfragmente davor befindet sich eine mittels eines Fußschalters zu startende Installation, bestehend aus einem Diaprojektor und einer auf einem Diskokugelmotor befestigten CD-Scheibe, die, in Kreisbewegung versetzt, innerhalb eines projizierten Diabildes einen sich langsam bewegenden Schatten auf das Werbeplakat wirft und gleichzeitig das von ihr reflektierte Licht  über Wände, Decke, Modellbahnlandschaften und Boden gleiten lässt. Schleifenförmig werden so Teile des Raums und der Freyschen Fragmente abgetastet, immer und immer wieder taucht die Lichtscheibe auf, gleitet dahin, verändert sich und taucht wieder ab. Gäbe es den Fußschalter nicht, würde sich die in den Raumtunnel geschickte Suchbewegung endlos wiederholen.

Peter Schmidt: Die drei Vitrinen

Die Bedeutung des Graukartons

Graukarton wird aus Altpapier hergestellt, er ist ein sehr billiges und vielseitiges Material, das Modellbauer gerne verwenden. So hat auch Wolfgang Frey mit diesem Material gearbeitet. Von ihm sind die drei präsentierten Modellbauelemente, die sich in den drei Vitrinen befinden.
Sie sind übriggebliebene Reste von Wolfgang Freys Stuttgart-Modell¹.

Eine alltägliche Erfahrung ist, dass einfache und billige Gegenstände eine große Bedeutung erlangen können. Erinnerungsstücke brauchen nicht kostbar zu sein, um persönlich bedeutend zu sein. Kollektive Bedeutung erlangt ein einfacher Gegenstand, der materiell zunächst mehr oder weniger wertlos ist, meist nur, wenn er mit einem bedeutenden Ereignis oder einer bedeutenden Person verbunden ist. In der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom pilgern Tag für Tag Tausende von Touristen fasziniert an alten Holzstücken vorbei, denen zugeschrieben wird, Teil der Krippe von Jesus Christus zu sein. Dabei scheint es belanglos, dass das Holz, das die Heilige Helena etwa 300 nach Christi Geburt aus Betlehem mitgebracht hat, nüchtern betrachtet wohl nie mit Jesus Christus in Berührung gekommen ist.

Bedeutung liegt zunächst jenseits von materiellen Werten, doch sie kann sehr teuer werden. Dann können einfache Gegenstände sehr viel Geld kosten. Im Kommerzialisierungsprozess ist allerdings die Bedeutung ständig der Gefahr ausgesetzt, sich zu verlieren. Wolfgang Frey steht dem entgegen. Öffentliche Anerkennung oder gar kommerzieller Erfolg, seine Anlage oder gar sich selbst zur Ware zu machen, waren nicht sein Ziel. Diese Strategie, mit der Welt umzugehen, wird immer ungewöhnlicher, je zentraler die gesellschaftliche Frage zu sein scheint, wer wann, wie und womit mehr oder weniger öffentlich an Bedeutung gewinnt.

Frey baute dreißig Jahre lang alleine ohne fremde Hilfe an seiner Anlage. Diese bestand aus einem detailgetreuen Modell des Stuttgarter Hauptbahnhofs, seiner Gleisanlagen und seiner städtischen Umgebung im Maßstab 1:160. Gleichzeitig baute er das Innere des Stellwerks am Hauptbahnhof, seinen Arbeitsplatz, im Maßstab 1:1 nach. Der Nachbau der Stellwerkstechnik sollte es ermöglichen, den Fahrbetrieb des Hauptbahnhofs exakt auf der Modellbauanlage zu reproduzieren. Inwieweit das gelang, bleibt ein Geheimnis, das Frey mit ins Grab nahm. Vermutlich haben die Größe und Komplexität des Projekts die Möglichkeiten eines Einzelnen allein schon durch die zeitliche Begrenztheit eines Menschenlebens bei weitem überschritten. Aber der Versuch bleibt etwas sehr Besonderes und das Besondere ist oft etwas Bedeutendes. Der Graukarton in der Vitrine ist also nicht einfach Graukarton, sondern es ist Graukarton, den Frey bearbeitet hat, er war Teil dieses großen Plans, als einzelner eine riesige technische Maschinerie mit zugehöriger Landschaft zu beherrschen, allerdings nur im Modell. Auch wenn eine solche Art der Gegenstrategie leicht in die Isolation führt, geht eine Faszination von ihr aus. Sie steht der Strategie gegenüber, sich selbst zu optimieren, sich immer besser anzupassen, um der Angst, die Vorgaben der Gesellschaft nicht oder nicht mehr erfüllen zu können, abgehängt zu werden, keine Anerkennung mehr zu finden, zu überwinden.

Peter Schmidt
→www.oma-maier.de

¹ Wolfgang Freys Modell von Stuttgart ist in Herrenberg zu besichtigen
(s. www.stellwerk-s.de).

„Eine Festung der Einsamkeit“: Das Wolfgang-Frey-Projekt

Kunst ohne Publikum

Von 1992  bis zu seinem Tod baute der Eisenbahnangestellte Wolfgang Frey (1960 – 2012) mitten in Stuttgart, in dem 450 Quadratmeter großen Zwischengeschoss C2 (tief) der S-Bahn-Haltestelle Schwabstraße, an einer einzigartigen, andernorts bereits 1978 begonnenen Modelleisenbahnlage, die aufgrund ihrer Detailliertheit inzwischen Berühmtheit erlangt hat, obwohl nur wenige Eingeweihte die Anlage je im Original gesehen hatten. Die Anlage wurde vom Gleisfeld des Stuttgarter Hauptbahnhofs aus entwickelt und reichte zum Schluss bis nach Bad Cannstatt und zum Westbahnhof. Um diese riesige Anlage steuern zu können, hatte Wolfgang Frey im Vorraum zudem noch in mühevoller Kleinarbeit eine exakte 1:1 – Replik seines Arbeitsplatzes im Stuttgarter Hauptstellwerk erstellt, mit sämtlichen elektronischen Steuerkonsolen und der riesigen Schalttafel. Fast drei Jahrzehnte lang pendelte er tagtäglich zwischen Arbeitsplatz und „Hobbybunker“ hin und her, bis er sich schließlich fast nur noch in dieser unterirdischen Enklave aufhielt und kaum mehr in der Außenwelt auftauchte.

Obwohl die Modellbahnzeitschrift MIBA in einem Sonderheft 2004 eine große Fotoreportage über Wolfgang Freys Modellbahnwelt mit einem von ihm selbst verfassten Text brachte und auch im SWR-Fernsehen mehrfach über die Anlage berichtet wurde, blieb ihr genauer Ort dennoch weitgehend geheim. Die nach dem Tod ihres Erbauers verwaiste Anlage wurde 2017, nachdem die Verhandlungen der Erben mit der Stadt Stuttgart gescheitert waren, von einem Herrenberger Unternehmensberater gekauft und ist dort nun der Öffentlichkeit zugänglich.

→www.stellwerk-s.de

Aus Platzgründen konnte die Anlage jedoch nicht komplett nach Herrenberg transferiert werden. So ist z.B. die Stellwerksreplik in Herrenberg nur in Teilen vorhanden und wesentliche Funktionen der Anlage können nur eingeschränkt präsentiert werden.

Der jetzige Besitzer bewirbt die Anlage mit dem Hinweis, dass es sich hier nicht bloß um eine Modelleisenbahn, sondern um ein „Kunstwerk“ handle. Dies nicht nur wegen der handwerklichen Qualität der Modelle und der Vielzahl an kreativen Einfällen, die in die Anlage eingegangen sind, sondern auch wegen der Tatsache, dass ihr Erbauer damit ein Bild des eigenen, zwischen Beruf und Freizeit hin und her pendelnden Lebens geschaffen hatte. Dieser Bedeutungsüberschuss der Anlage kann jedoch, wenn überhaupt, in Herrenberg nur unvollkommen repräsentiert werden.

Das nunmehr verlassene Zwischengeschoss bietet noch eine Unmenge an verwertbaren Spuren, die den Rest der Geschichte fassbar machen: fertig gebaute, aber in Herrenberg nicht mehr unterzubringende Anlagenteile, Abfallholz, Monitore, technische Geräte, Video- und Musikkassetten, Bücher und andere persönliche Erinnerungsstücke, allesamt dazu bestimmt, entweder weggeworfen zu werden oder aber als Material zu dienen für eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Restgrößen eines auf Perfektion angelegten und vielleicht deshalb zum Scheitern verurteilten Lebenswerks. Zudem bietet der frei gewordene Raum, der – wie schon zu Wolfgang Freys Zeiten – nur kleinsten Besuchergruppen zugänglich ist, einen experimenteller Produktionsort für Künstler aller Sparten. Der in der Kunstszene dieser Stadt schon mehrfach reflektierte Satz „Außer den Beteiligten gibt es kein Publikum“ kann in Fortführung der Freyschen Modellbaupraxis ironisch auf die Spitze getrieben werden und die völlig unzeitgemäße Frage aufwerfen, inwiefern der zeitweise Ausschluss von Öffentlichkeit einer Sache auch gut tun kann.