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Michael Kiedaisch: Der Keller

Improvisierte Musik

Unter Beteiligung aller Anwesenden, arrangiert und angeleitet von Michael Kiedaisch, kam am 06.06.2019 im Freykeller ein improvisiertes Musikstück zur Aufführung. Die Anweisung an die Mitspielenden lautete, verteilt im Raum je ein Xylophonholz innerhalb der vorgegebenen Zeitstruktur so anzuschlagen, wie ein Tropfstein Laute von sich gibt.

Instrumente:

1 Vibraphon

4 Klangschalen

Xylophonhölzer unterschiedlicher, zufällig gewählter Tonhöhen.

1 Wurfblech

Mörtelbruchstücke

Zeitstruktur:

10 Minuten Klangschalen (+ Vibraphon Improvisation)

Xylophonhölzer allmählich dazu kommend, dann 15 Min. nur Xylos (+ Vibraphon)

15 Minuten Klangschalen (+ Vibraphon), allmählich weniger Xylo, am Ende nur noch Klangschalen.

 

 

Citizen Kane Kollektiv: Stuttgart Wrackstadt

STUTTGART WRACKSTADT

Theaterperformance des Citizen.KANE.Kollektivs

(Link: https://citizenkane.de/PERFORMANCES/STUTTGART-WRACKSTADT)

„Es ist kein Naturgesetz, dass Daimler ewig besteht.“ erklärte Anfang 2019 der damalige Vorstandsvorsitzende der Daimler AG Dieter Zetsche. Stuttgarts Stern erlischt. Wir schauen dem Dinosaurier Automobilindustrie beim Sterben zu. Vor der Stadt, die sich an der Spitze der wirtschaftlichen Entwicklung sieht, tut sich ein Abgrund auf – und in diesem Abgrund zeigt sich eine düstere Zukunft. Stuttgart wandelt sich zu einer Stadt des Stillstands und der Angst. Menschen ziehen weg oder leben in Armut, die Infrastruktur zerfällt, Häuser und Fabriken stehen leer, Tiere und Natur erobern sich die Stadt zurück. Stuttgart wird endlich wirklich grün.

Eine Grundlage der Beschreibung Stuttgarts als Wrackstadt ist die Beschreibung des zerstörten Modells von Wolfgang Frey, wie es im Zwischengeschoss der Stadtbahn-Haltestelle Schwabstraße vorgefunden werden kann: „Das Licht scheint neonfarben, wirft diffuse Schatten. Spinnennetze spannen sich über die Wälder. Staub liegt auf den Straßen, wie kalte Asche. Kein Wind, der sie aufwirbeln könnte. Ein Auto liegt auf dem Dach im Park, ein paar Menschen liegen daneben. Straßen sind aufgerissen. Blanke Drähte ragen aus der Erde, es fließt kein Strom mehr. Ein Reh und ein Wildschwein stehen in der Fußgängerzone. Styropor bricht durch, eine Packeislandschaft, Stadtteile ragen wie Eisberge schräg heraus. Parks nach einem schweren Sturm. Schneisen umgeknickter Bäume. Grünes Chaos. Ganze Stadtviertel stehen Kopf, wie an eine Wand gelehnt. Löcher im Boden wie klaffende Wunden. Ein Dinosaurier steht vor einem Museum. Freie Parkplätze überall. Hinter ein paar Häusern hört die Welt auf, eine scharf gezogene Kante, ein Absatz ins Nichts.“

STUTTGART WRACKSTADT klingt wie ein Punksong. Mein Beruf, mein Haus, mein Auto, mein Geld: verloren! Unser Identifikationspotential, unsere Statussymbole: weg! Wir waren so satt und haben nur über zukünftige Verbrennung nachgedacht. Gewohnheit, Machtanspruch und Eigeninteresse haben uns zerstört. Wie könnte diese Stadt aussehen, wenn der Megakonzern sie nicht mehr im Innersten zusammen hält?

Premiere am 10. Juli 2019. Vorstellungen: 11. / 12. / 13. / 14. Juli 2019 im FITZ! Theater animierter Formen (Eberhardstraße 61 70173 Stuttgart)

Weitere Vorstellungen im April 2020.

Fotos: Alex Wunsch

Böller und Brot: Abschied

»Abschied«

Ein Stück Wolfang Frey in der Daumenkinoserie ZOOMS von Böller und Brot.
Folge Nr. 65, 201

Für die dokumentarische Daumenkinoserie »ZOOMS« fotografieren die Filmemacherinnen Sigrun Köhler und Wiltrud Baier der Künstlergruppe / Produktionsfirma »Böller und Brot« seit vielen Jahren scheinbar unspektakuläre Totalen.
Wie im Film »Blow-Up« von Michelangelo Antonioni ein Modefotograf durch extremes »Zoomen« in eines seiner Bilder eine Leiche hinter einem Busch findet, können auch in diesen über 60 Daumenkinos erstaunliche Details entdeckt werden.
Hier in der Folge Nr. 65 »Abschied« ein übrig gebliebener Rest des Stuttgart-Modells von Wolfgang Frey in einer Ecke der ursprünglichen Räumlichkeiten S-Bahn-Haltestelle Stuttgart-Schwabstraße.

ststs: Rack 1-2018 schleifen

Rack 1-2018 schleifen

Die Neonröhren an der Decke bleiben im hinteren Teil der unterirdischen Räumlichkeiten ausgeschaltet. Reste der Modellbahnanlage Wolfgang Freys stehen wie auf Stelzen in einem tunnelartigen Raum, an dessen Stirnwand ein DB-Werbeplakat mit dem Bild dreier ICE-Züge angebracht ist. Auf einem der Modellbahnfragmente davor befindet sich eine mittels eines Fußschalters zu startende Installation, bestehend aus einem Diaprojektor und einer auf einem Diskokugelmotor befestigten CD-Scheibe, die, in Kreisbewegung versetzt, innerhalb eines projizierten Diabildes einen sich langsam bewegenden Schatten auf das Werbeplakat wirft und gleichzeitig das von ihr reflektierte Licht  über Wände, Decke, Modellbahnlandschaften und Boden gleiten lässt. Schleifenförmig werden so Teile des Raums und der Freyschen Fragmente abgetastet, immer und immer wieder taucht die Lichtscheibe auf, gleitet dahin, verändert sich und taucht wieder ab. Gäbe es den Fußschalter nicht, würde sich die in den Raumtunnel geschickte Suchbewegung endlos wiederholen.

Peter Schmidt: Die drei Vitrinen

Die Bedeutung des Graukartons

Graukarton wird aus Altpapier hergestellt, er ist ein sehr billiges und vielseitiges Material, das Modellbauer gerne verwenden. So hat auch Wolfgang Frey mit diesem Material gearbeitet. Von ihm sind die drei präsentierten Modellbauelemente, die sich in den drei Vitrinen befinden.
Sie sind übriggebliebene Reste von Wolfgang Freys Stuttgart-Modell¹.

Eine alltägliche Erfahrung ist, dass einfache und billige Gegenstände eine große Bedeutung erlangen können. Erinnerungsstücke brauchen nicht kostbar zu sein, um persönlich bedeutend zu sein. Kollektive Bedeutung erlangt ein einfacher Gegenstand, der materiell zunächst mehr oder weniger wertlos ist, meist nur, wenn er mit einem bedeutenden Ereignis oder einer bedeutenden Person verbunden ist. In der Basilika Santa Maria Maggiore in Rom pilgern Tag für Tag Tausende von Touristen fasziniert an alten Holzstücken vorbei, denen zugeschrieben wird, Teil der Krippe von Jesus Christus zu sein. Dabei scheint es belanglos, dass das Holz, das die Heilige Helena etwa 300 nach Christi Geburt aus Betlehem mitgebracht hat, nüchtern betrachtet wohl nie mit Jesus Christus in Berührung gekommen ist.

Bedeutung liegt zunächst jenseits von materiellen Werten, doch sie kann sehr teuer werden. Dann können einfache Gegenstände sehr viel Geld kosten. Im Kommerzialisierungsprozess ist allerdings die Bedeutung ständig der Gefahr ausgesetzt, sich zu verlieren. Wolfgang Frey steht dem entgegen. Öffentliche Anerkennung oder gar kommerzieller Erfolg, seine Anlage oder gar sich selbst zur Ware zu machen, waren nicht sein Ziel. Diese Strategie, mit der Welt umzugehen, wird immer ungewöhnlicher, je zentraler die gesellschaftliche Frage zu sein scheint, wer wann, wie und womit mehr oder weniger öffentlich an Bedeutung gewinnt.

Frey baute dreißig Jahre lang alleine ohne fremde Hilfe an seiner Anlage. Diese bestand aus einem detailgetreuen Modell des Stuttgarter Hauptbahnhofs, seiner Gleisanlagen und seiner städtischen Umgebung im Maßstab 1:160. Gleichzeitig baute er das Innere des Stellwerks am Hauptbahnhof, seinen Arbeitsplatz, im Maßstab 1:1 nach. Der Nachbau der Stellwerkstechnik sollte es ermöglichen, den Fahrbetrieb des Hauptbahnhofs exakt auf der Modellbauanlage zu reproduzieren. Inwieweit das gelang, bleibt ein Geheimnis, das Frey mit ins Grab nahm. Vermutlich haben die Größe und Komplexität des Projekts die Möglichkeiten eines Einzelnen allein schon durch die zeitliche Begrenztheit eines Menschenlebens bei weitem überschritten. Aber der Versuch bleibt etwas sehr Besonderes und das Besondere ist oft etwas Bedeutendes. Der Graukarton in der Vitrine ist also nicht einfach Graukarton, sondern es ist Graukarton, den Frey bearbeitet hat, er war Teil dieses großen Plans, als einzelner eine riesige technische Maschinerie mit zugehöriger Landschaft zu beherrschen, allerdings nur im Modell. Auch wenn eine solche Art der Gegenstrategie leicht in die Isolation führt, geht eine Faszination von ihr aus. Sie steht der Strategie gegenüber, sich selbst zu optimieren, sich immer besser anzupassen, um der Angst, die Vorgaben der Gesellschaft nicht oder nicht mehr erfüllen zu können, abgehängt zu werden, keine Anerkennung mehr zu finden, zu überwinden.

Peter Schmidt
→www.oma-maier.de

¹ Wolfgang Freys Modell von Stuttgart ist in Herrenberg zu besichtigen
(s. www.stellwerk-s.de).

Bazon Brock in der Schwabstrasse

Ein Künstler ohne Werk trifft auf ein Werk ohne Künstler

Am 22. Oktober 2018 besuchte der Künstler und Kunstheoretiker Bazon Brock, eigens aus Berlin angereist, die ehemaligen Räumlichkeiten von Wolfgang Frey in der S-Bahn-Haltestelle Stuttgart Schwabstraße. Wir wollten von ihm, der sich selbst als „Künstler ohne Werk“ bezeichnete, wissen, ob und inwiefern es sich bei den dort verbliebenen Fragmenten um Kunstwerke handelt. Während seines etwa dreistündigen Aufenthaltes arbeitete sich Bazon Brock in jedem Sinne schleifenförmig durch dieses für ihn unter künstlerischen Gesichtspunkten unüberbietbare Ruinenfeld, Seiner Diagnose, dass es sich bei Wolfgang Frey um einen der größten Künstler der Gegenwart, um einen „Leonardo der Zeit“ handelt, wollten wir nicht widersprechen. Obsessivität ist etwas, das sich sowieso kaum widerlegen lässt. In gespiegelter Form hat sie jedoch ihre eigene Wahrheit.


Also, da ist man wirklich begeistert über einen solchen Fund – man kommt nach Stuttgart und denkt, naja, das wird das Übliche sein, und dann sieht man plötzlich das Grandioseste, was es in der Kunst der Gegenwart gibt.

Ich habe den größten Respekt vor diesem Mann. Ich kenne keine Künstlerpersönlichkeit, der ich eine derartige Kontinuität im Arbeiten, eine derartige Kraft zur Verwirklichung der aus dem Plan sich ergebenden Sogkraft des Ganzen zutrauen würde. Und ich bin überzeugt, wenn ich mit Beuys hier gewesen wäre, ich kenn ihn ja nun seit 63 ziemlich gut, der wäre begeistert gewesen, wie alle anderen Großkünstler, denen ich begegnet bin, das waren ziemlich viele.

Ich würde meinen, der Mann ist ein Leonardo der Zeit, der die Modellbauebene so weit ausgebildet hat, dass man im Modell die Wirklichkeit übertrifft. Das heißt, das Modell ist die Ebene der Möglichkeit und die wird dann in die Wirklichkeit übersetzt. Aber diese Möglichkeitsdarstellung ist einfach unüberbietbar. Wenn man da steht, kann man sagen: Wollen wir n Heldenfriedhof haben, jemals wieder ein bundesdeutsches Gedenken, über alles, was gewesen ist, dann muss man davor knien und es muss ein Orgelkonzert geben, ja, das müssen Sie in die Kirche tragen. Und dann muss chorisch-liturgisch dazu gearbeitet werden; hier müssen die Chöre reingeführt werden, die Opernchöre und müssen das nun wirklich feiern auf der Ebene der emotionalen, affektiven Kommunikation, denn was man da sieht, man möchte schreien; das kann man eben nur noch mit der Stimmgewalt der Oper ausdrücken.

Das Modell ist die stärkste Kraft der Wandlung des Möglichen ins Wirkliche und die Schnittstelle zwischen Möglichkeit und Wirklichkeit, das ist in dieser Anlage jetzt noch gedoppelt, weil die simulierte Ebene ihrerseits wieder durch die Wirklichkeit eingeholt wurde, also zerstört worden ist, so dass jetzt hier die ganze Ebene der Wirklichkeit in Erscheinung tritt, ja; in der Fragmentierung, in der Zerschlagung tritt die in Erscheinung. Also ich meine, das ist ein heiliges Bild des 20. Jahrhunderts. Das ist besser als jede Madonnendarstellung der katholischen Kirche und wenn man Vernunft hätte, würde man so was in Triumphbogen der Kirchen hängen; statt Triumphkreuz, da ist der wahre Triumph der Menschlichkeit, inklusive Geislingen, Stuttgart, Heidelberg, Dortmund. Wunderbar, wie das da drin steckt.

Diese Welt wird es niemals anders mehr geben als in diesem Modell. Stuttgart gibt es nur auf dieser Ebene. Alles andere können Sie an Stuttgart vergessen. Das ändert sich alle zehn Jahre, was soll’s noch. Aber hier ist der Anspruch auf Ewigkeit und Dauer gesetzt. Und das ist so fantastisch, das erfüllt alle Voraussetzungen für das großartigste Konzept künstlerischer Arbeit. Wahnsinn!

Das Strafgericht Gottes ist der Bau des neuen Stuttgarter Bahnhofs und verwüstet die gesamte Innenstadt. Hier hat er noch einmal sozusagen bewahren können, bevor das alles zerstört wurde durch den Wahnsinn der Fortschrittsarroganz, die in Wahrheit nur sich selbst zerstört, denn „durch Erfolg zerstört“ ist die bekannteste Form des Gottesgerichts über alle Potentaten, über alle großen Planermenschen. Also mich kommt das wirklich so an, als ob man dem Schöpfergott noch einmal hätte eine Chance geben wollen, sein eigenes Werk zu sehen, und zwar wirklich nur in Hinblick auf das, was die Teile miteinander verbindet. Der Schöpfergott hat dann eben beschlossen, das wird alles radikal vernichtet und dem Gott des Neuen geopfert. Aber das ist ja in sich schon wieder alt, nicht, das ist ja schon hier, befindet sich schon … wenn‘s fertig ist, dann ist es schon wieder veraltet

Das muss ins Museum. Ihr müsst den Museumsdirektor so weit bringen, dass er erkennen kann, was er an diesen Zeugnissen eines Großkünstlers des 20. Jahrhunderts hat. Das ist wirklich großkünstlerisch in dem Sinne von das Umfassendste, was ein Künstler je in Angriff genommen hat.

Das ist natürlich toll, dass das Ganze in einem abgeschlossenen, höllischen Environment, wo nur noch Reflexe der lebenden Welt da oben durchdringen, ja, also eigentlich, das ist ja schon wirklich das pyramidale Memorial der Stuttgarter Welt, ja, das ist eigentlich die Pyramide von Stuttgart. Hier ist Stuttgart wirklich auf die Ewigkeit gestellt, das ist das einzige Ewigkeitsmodell, das es in Stuttgart gibt.

Das ist ja die radikalste Form der Kritik an den Gegebenheiten, die man sich überhaupt vorstellen kann: Die Welt mit dem eigenen Modell zu konfrontieren und sie damit überhaupt erst erfassbar werden zu lassen. Auf dieser Ebene kann man Welten erkennen. In der Realität können Sie die Welt ja nicht erkennen, Sie müssen es immer transponieren, in Film, in Bildern, oder eben hier im Nachbau der Modelle, um überhaupt zu wissen, was diese Welt ausmacht.

Also ich halte den wirklich für einen Großkünstler des 20. Jahrhunderts. Es gibt natürlich die verschiedenen Leute, die Szeemann unter Privatmythologien zusammengefasst hat, aber unter denen selbst; auch in der Picassiette, mit seinem eigenen Bau – ich glaube, niemand hat etwas Derartiges geleistet wie er hier. Alleine die Wahnhaftigkeit, ja, das heißt also wirklich die Obsession; es so zu treiben, dass man nicht der privaten Willkür sich unterwirft, sondern der Wirklichkeit selber und die in die Möglichkeitsebene zurückführt – alle Leute denken immer, es geht von der Möglichkeit in die Wirklichkeit, nicht, aber rückwärts; hier geht es jetzt von der Wirklichkeit rückwärts in die Möglichkeit.

Also ich meine, das ist ein Raum, wie er in keinem Museum der Moderne irgendwo in annähernder Qualität repräsentiert wird. Da können Sie Beuys-Räume nehmen, immerhin schon ein schöner Hinweis, oder Kounellis oder was immer, aber das übertrifft eigentlich alles.

Ihr müsst das unbedingt ins Kunstmuseum bringen. Oder einen eigenen Bau … Eine Mietwohnung als Frey-Museum einrichten, in der Stadt. Denn dies darf ja nicht bespielt werden. Außerdem, ihr werdet sehen, das wirkt in einem normalen Mietshaus, als Wohnung, im „Museum Frey“, noch viel stärker als hier drinnen. Denn hier ist die unterstützende Aura noch zu spüren – das muss man auch alles imaginieren, ja, so wie man die Kunstwerke ja auch nicht im Atelier der Künstler zeigt. Dies war sein Atelier – und wir wissen heute noch nicht, wo das Atelier des lieben Gottes bei der Schöpfung war.

Unterlassen ist eine Form des Handelns, die entscheidende Form des Handelns. Und wenn der sich hier bezähmt hat – was mit der Energie, die er hier reingesteckt hat – der hätte ja ein Superkünstler auf allen Ebenen sein können. Diese Energie reicht alleine aus, um ganze Museen zu sprengen. Das hat er derartig unter Kontrolle gehabt und hier reingesteckt, dass es jetzt aus dem Plan selber sich erfüllt, als würde jemand sich das vorgenommen haben. Das kann er sich gar nicht vorgenommen haben. Er hatte einfach die psychologische Kraft – obsessiv, wie immer; begabt, oder wie immer – sich darauf einzulassen so wie ein Kleinteilchenphysiker, der an seinem Stellwerk da herumhantiert.

Stuttgart: in den fünfziger, sechziger Jahren war das ein Zentrum in Deutschland auf jeden Fall… Und jetzt könnten man sagen, mit dem Mann kehrt man jetzt wieder zurück; er hat eines der größten Kunstwerke zu bieten, die das 20. Jahrhundert hervorgebracht hat.

Ihr müsst es so dokumentieren, da hat es seine Bedeutung. Die Ruine ist die einzige Form, in der die Vollendung überhaupt nur angesprochen werden kann. Das ist hier zum Weinen schön!

Ein Booklet mit mehr Bildern und Zitaten von Bazon Brock (herausgegeben von Begleitbüro SOUP) ist bei Stellwerk-S https://www.stellwerk-s.de/onlineshop/ erhältlich.

„Eine Festung der Einsamkeit“: Das Wolfgang-Frey-Projekt

Kunst ohne Publikum

Von 1992  bis zu seinem Tod baute der Eisenbahnangestellte Wolfgang Frey (1960 – 2012) mitten in Stuttgart, in dem 450 Quadratmeter großen Zwischengeschoss C2 (tief) der S-Bahn-Haltestelle Schwabstraße, an einer einzigartigen, andernorts bereits 1978 begonnenen Modelleisenbahnlage, die aufgrund ihrer Detailliertheit inzwischen Berühmtheit erlangt hat, obwohl nur wenige Eingeweihte die Anlage je im Original gesehen hatten. Die Anlage wurde vom Gleisfeld des Stuttgarter Hauptbahnhofs aus entwickelt und reichte zum Schluss bis nach Bad Cannstatt und zum Westbahnhof. Um diese riesige Anlage steuern zu können, hatte Wolfgang Frey im Vorraum zudem noch in mühevoller Kleinarbeit eine exakte 1:1 – Replik seines Arbeitsplatzes im Stuttgarter Hauptstellwerk erstellt, mit sämtlichen elektronischen Steuerkonsolen und der riesigen Schalttafel. Fast drei Jahrzehnte lang pendelte er tagtäglich zwischen Arbeitsplatz und „Hobbybunker“ hin und her, bis er sich schließlich fast nur noch in dieser unterirdischen Enklave aufhielt und kaum mehr in der Außenwelt auftauchte.

Obwohl die Modellbahnzeitschrift MIBA in einem Sonderheft 2004 eine große Fotoreportage über Wolfgang Freys Modellbahnwelt mit einem von ihm selbst verfassten Text brachte und auch im SWR-Fernsehen mehrfach über die Anlage berichtet wurde, blieb ihr genauer Ort dennoch weitgehend geheim. Die nach dem Tod ihres Erbauers verwaiste Anlage wurde 2017, nachdem die Verhandlungen der Erben mit der Stadt Stuttgart gescheitert waren, von einem Herrenberger Unternehmensberater gekauft und ist dort nun der Öffentlichkeit zugänglich.

→www.stellwerk-s.de

Aus Platzgründen konnte die Anlage jedoch nicht komplett nach Herrenberg transferiert werden. So ist z.B. die Stellwerksreplik in Herrenberg nur in Teilen vorhanden und wesentliche Funktionen der Anlage können nur eingeschränkt präsentiert werden.

Der jetzige Besitzer bewirbt die Anlage mit dem Hinweis, dass es sich hier nicht bloß um eine Modelleisenbahn, sondern um ein „Kunstwerk“ handle. Dies nicht nur wegen der handwerklichen Qualität der Modelle und der Vielzahl an kreativen Einfällen, die in die Anlage eingegangen sind, sondern auch wegen der Tatsache, dass ihr Erbauer damit ein Bild des eigenen, zwischen Beruf und Freizeit hin und her pendelnden Lebens geschaffen hatte. Dieser Bedeutungsüberschuss der Anlage kann jedoch, wenn überhaupt, in Herrenberg nur unvollkommen repräsentiert werden.

Das nunmehr verlassene Zwischengeschoss bietet noch eine Unmenge an verwertbaren Spuren, die den Rest der Geschichte fassbar machen: fertig gebaute, aber in Herrenberg nicht mehr unterzubringende Anlagenteile, Abfallholz, Monitore, technische Geräte, Video- und Musikkassetten, Bücher und andere persönliche Erinnerungsstücke, allesamt dazu bestimmt, entweder weggeworfen zu werden oder aber als Material zu dienen für eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Restgrößen eines auf Perfektion angelegten und vielleicht deshalb zum Scheitern verurteilten Lebenswerks. Zudem bietet der frei gewordene Raum, der – wie schon zu Wolfgang Freys Zeiten – nur kleinsten Besuchergruppen zugänglich ist, einen experimenteller Produktionsort für Künstler aller Sparten. Der in der Kunstszene dieser Stadt schon mehrfach reflektierte Satz „Außer den Beteiligten gibt es kein Publikum“ kann in Fortführung der Freyschen Modellbaupraxis ironisch auf die Spitze getrieben werden und die völlig unzeitgemäße Frage aufwerfen, inwiefern der zeitweise Ausschluss von Öffentlichkeit einer Sache auch gut tun kann.