Hirschgang – Eine Rückführung

Rauminstallation
Württembergischer Kunstverein Stuttgart 2015.
In Kooperation mit Matthias Beckmann und Fritz Moser

Die Tatsache, dass der Landtag von Baden Württemberg wegen Sanierungsarbeiten 2015 im Stuttgarter Kunstgebäude -einem Geschenk von König Wilhelm II. an die Stadt und ihre Künstler- untergebracht war, bot die einzigartige Chance, das parlamentarische Geschehen einmal unter dem Aspekt seiner  Ausstellungsqualitäten zu betrachten.

Repräsentative Demokratie bedeutet nicht nur, dass gewählte Volksvertreter das Volk, sondern auch dass Bilder die Realität vertreten können. Schon der Anblick eines leeren Plenarsaals kann zur Offenbarung werden, wenn dieser von vorurteilslosen Augen getroffen wird. Die leicht ansteigenden, konzentrisch angeordneten, nach dem politischen Spektrum aufgefächerten Sitzreihen schaffen das Bild einer trichterförmigen Eintracht, die bisweilen von einem Wortstrudel erfasst wird, der genau unterhalb der Rednertribüne seinen Abflusspunkt hat. Gerade politisch möblierte Szenerien werfen eine Reihe von Geschmacksfragen auf, deren genauere Auflösung wohl nur einem Außenstehenden gelingen kann.

Was bedeutet es für die Politik, wenn sie an einem traditionell der Kunst verpflichteten Ort Asyl gefunden hat? Was für die Kunst, wenn ihre angestammten Räume von politischen Debatten erfüllt werden? Oder was wäre, wenn der seit mehr als 100 Jahren auf der Kuppel des Kunstgebäudes thronende Goldene Hirsch sich plötzlich in Fleisch und Blut verwandeln und ins Innere dieses der Kunst gewidmeten Gebäudes gelockt werden könnte? Was würde dieser freiluftverwöhnte, mit Kunstausstellungen aller Art rechnende, nach Augenfutter verlangende Geweihträger sehen?

 

Das Video (SOUP, Kamera: Fritz Moser): An die Wand des an den WKV angrenzenden Kuppelsaales, in dem sich zu der Zeit der Plenarsaal des Landtages befand, wurde ein Video projiziert, das zeigt, wie ein lebendiger Hirsch den Weg in die parlamentarische Demokratie findet: Mehrere Personen treten vor die weiße Wand. Sie klopfen daran, horchen, untersuchen deren Oberfläche, als wollten sie Kontakt aufnehmen mit etwas, das sich hinter der Wand befindet, sie erhalten aber keine Antwort. Dann beginnen sie mit Hilfe eines Lineals, eines Meterstabes und Zeichenkreide eine zweiflügelige Tür auf die Wand zu zeichnen und diese Türfläche mit Farbwalzen zu bearbeiten. Es entsteht das Bild der hinter der Wand verborgenen, originalen Tür. Die Akteure öffnen die beiden Türflügel, so dass der Blick in den Plenarsaal freigegeben wird, wie er sich aus genau dieser Perspektive hinter der Wand zeigen würde. Nun wird ein Hirsch durch die geöffnete Tür in den Landtag hineingeführt. Das Tier geht einige Schritte in Richtung Plenarsaal, dann wird das Bild immer heller und löst sich schließlich ganz in weiß auf.


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Die Zeichnungen von Matthias Beckmann zeigen den Hirsch bei einem Rundgang durch sämtliche Räume des zum Landtag umfunktionierten Kunstgebäudes. Sekundiert und kommentiert mit Texten von Harry Walter.

Die Installation „Hirsch Orthela“ von Andreas Mayer-Brennenstuhl führte vor, wie dem goldenen Hirsch auf der Kuppel des Kunstgebäudes eine orthopädische Beinschiene, eine sogenannte „Patella-Luxations-Orthese“, angelegt wird.

 

 

 


Der Hirsch mit aufsitzendem Bären, von dem wohl an die 100 Varianten hergestellt worden sind, stammt aus der Serie „stranger than paradise“ des chinesischen Künstlers Yang Jiechang von 2011. Uns hatte er ein Exemplar mit Brennfehler überlassen, dessen fehlendes Geweih sowie zwei Hufen durch Holzprothesen ersetzt wurden.

 

 

 

 


Der Spielautomat „DER OBSERVATOR“ von Peter Schmidt mit der Anmutung eines Groschengrabs beinhaltet alle Diskussionen, alle Ideen, Bilder und Texte, die in die Entwicklung des kollektiven Kunstprojekts „Hirschgang“ eingegangen sind. Während des Spiels werden einzelne Elemente dieser Dokumentation in immer neuer Kombinationen am Automaten präsentiert. Ziel des Spiels ist es, drei Elemente, in denen der Hirsch direkt benannt oder dargestellt ist, gleichzeitig in den drei Spielfeldern zu stoppen. Der Gewinn ist ein Hirsch-Video.


Während dem wirklichen Hirsch jedes Jahr ein neues Geweih erwächst, musste der Hirsch-König anerkennen, dass die historische Zeit nur in eine Richtung verläuft. Ein für alle Mal musste er daher sein Geweih ablegen und zum Bürger werden. Als solcher ist er jetzt von seiner erhöhten Position herabgestiegen und schaut sich sein Haus, das ihm vorher nur als Potemkinsche Fassade bekannt war, von innen an. Das Sinnbild hierarchischer Herrschaft, die Pyramide, zeigt mit der Spitze nach oben und weist ein dementsprechend stabiles Fundament auf. Die Sitzreihen eines Plenarsaals dagegen verbreitern sich nach oben hin; sein leeres Zentrum befindet sich innen und unten wie bei einem Wasserstrudel, der einen Trichter hinabstürzt. Nur auf diese Weise ist Übersicht möglich, die einem allerdings von unten betrachtet schnell über den Kopf wachsen kann. Vielleicht macht es dem Hirsch Angst, jetzt, wo er durch einen künstlerischen Akt ins Zentrum der Öffentlichkeit geraten ist, die Massen bzw. deren Vertreter über sich statt unter sich zu wissen, vielleicht erweckt es das Bedürfnis in ihm, sich zu verstecken. Damals als Hirschkalb, als er statt eines baumartigen Geweihs noch ein Fell mit Tarnflecken besaß, hatte er noch die Fähigkeit besessen, alle Poren seines Körpers zu verschließen, so dass dieser keine Signale an seine Umgebung mehr aussenden konnte – bis auf ein Sekret aus seinen Augen, das seiner Mutter signalisierte, dass Gefahr bestand. So wie sich heute vielleicht so mancher wünscht, unsichtbar statt gläsern zu sein und, statt von einer Kamera erfasst zu werden, einmal wirklich etwas sagen zu dürfen.

(Karoline Walter)