Die Scheinanlage „Brasilien“

Zwischen 1940 und Anfang 1943 wurde unter der Tarnbezeichnung „Brasilien“ nordwestlich von Lauffen am Neckar von der deutschen Luftwaffe eine so genannte „Scheinanlage“ betrieben, deren einziger Zweck es war, für Stuttgart gehalten und entsprechend nachhaltig bombardiert zu werden. Zentrales Objekt der Anlage war eine aus Holz gefertigte Attrappe des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Zahlreiche nach oben abgeblendete elektrische Lampen im Umfeld täuschten eine beleuchtete Gleisanlage vor. Die umliegenden Straßen waren durch Strohmatten markiert und künstliche Lichtblitze sollten den Eindruck fahrender Straßenbahnen hervorrufen. Eine massive Flugabwehr samt Scheinwerferbatterien bildete den realistischen Höhepunkt des Szenarios. – Da bislang keine originalen Dokumente dieser Scheinanlage aufgefunden werden konnten, kommt beim Versuch einer Rekonstruktion der Erinnerung eine zentrale Bedeutung zu.

2011: Ausstellung „Scheinanlage Brasilien. Bomber über Lauffen“ im Museum im Klosterhof Lauffen am Neckar 


Das Projekt „Scheinanlage Brasilien“ sollte unter Einbezug der Lauffener Bevölkerung und in Zusammenarbeit mit örtlichen Institutionen eine Aufarbeitung dieses im kollektiven Gedächtnis der Stadt noch tief eingegrabenen Szenarios realisieren. Aufgrund der engen Verflechtung dieses Themas mit dem „Scheincharakter“ der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bot sich eine mehrschichtige Herangehensweise an.

Zeitzeuge Karl Schäffer zeigt auf dem Lauffener Feld die Stelle, wo die Bahnhofsattrappe stand / Erinnerungsskizze des Zeitzeugen Kurt Schiefer: Bahnhofsattrappe, Weichenlaternen, Gaskessel

Zum einen sollte das Projekt den Lauffener Bürgern eine „Wiederaneignung“ dieses lokalhistorisch bedeutsamen Ortes ermöglichen und dabei das Thema „Scheinwelt“ in aktuelle Wirklichkeitsbezüge stellen.Zum anderen sollten Interessierte und Besucher, der als Geburtsort Hölderlins bekannten Stadt, mit einem Thema konfrontiert werden, das einen hohen und gesellschaftlich brisanten Assoziationsspielraum aufweist und infolgedessen in verschiedene Richtungen weiterentwickelt werden kann.


Seite aus einem Fotoalbum aus dem Besitz von Ewald Kachel mit der Aufschrift: „1941. Attrappe d. Stuttgarter Bahnhofs bei Brackenheim“ / Bildausschnitt aus dem Albumfoto links neben der Aufschrift. Nahegelegt wurde dadurch, dass es sich bei dem abgebildeten Gebäude um die Bahnhofsattrappe handelt. Diess wird jedoch von Zeitzeugen und Zeithistorikern bestritten.

 

(BIld fehlt)

Das Scheinanlagengelände, aufgenommen 1942 von der Royal Air Force. Im roten Kreis der „Scheinbahnhof“.

Aufgrund seiner komplexen Verweisstruktur kann und sollte das Projekt nicht im Schema üblicher „Vergangenheitsbewältigung“ angegangen werden. Es erlaubte vielmehr einen Seiteneinstieg in eine von zahlreichen Fallen durchsetzte Diskurs- und Gedenklandschaft. Ausgehend von der Hypothese, dass gerade solche „Nebenthemen“ noch ungeborgene Potenziale aufweisen, verstand sich das Projekt auch als ein Modell für den Umgang mit ambivalenten Erfahrungsräumen, wie z.B. der Bombardierung der heimatlichen Städte während des Zweiten Weltkriegs. Aufgrund der Tatsache, dass die Stadt Lauffen damals „den Kopf hinhalten“ musste für die Landeshauptstadt Stuttgart, bot das Lauffener Szenario den Stoff für eine Reflexion historischer Erfahrung jenseits des simplen „Täter-Opfer-Schemas“.

 

Die Durchführung und Auswertung einer Zeitzeugenbefragung zur Scheinanlage Brasilien in Zusammenarbeit mit den Schulen und Vereinen in Lauffen und den Nachbargemeinden bildete den Unterbau der Präsentation in den Räumen des „Museums im Klosterhof“.

 

 

 

 

 

 

 

 

2012: Ausstellung „Attrappen und Scheinbahnhöfe II. Den Kopf hinhalten für Stuttgart“ im Foyer des Stuttgarter Rathauses

Ausgangspunkt der Stuttgarter Ausstellung ist eine Episode, die sich 13 Jahre nach Kriegsende abspielte. Im Jahre 1958 wurden dem damaligen Stuttgarter OB Arnulf Klett Unterlagen zugespielt, die „die Leiden der Lauffener Bevölkerung im letzten Kriege betreffen“. Klett nahm die Gelegenheit wahr, um der Stadt Lauffen seinen Dank dafür auszusprechen, dass deren Bürger damals den Kopf hingehalten haben für Stuttgart. Zur Bekräftigung seines Dankes ließ er der Stadt Lauffen ein „Stuttgart-Bild“ zukommen, verbunden mit einer Einladung an den Lauffener Gemeinderat zu einem Besuch der Landeshauptstadt. Das im Einzelnen unbekannte und heute als verschollen geltende Ölgemälde, für das die Stadt damals 500 Mark ausgegeben hat, bildet den Hintergrund für eine künstlerische Auseinandersetzung mit der Frage nach dem Attrappencharakter unserer urbanen Wirklichkeit – ausgelöst durch lokale Ereignisse von fundamentaler Bedeutung. Die Querelen um Stuttgart 21 haben den Begriff „Scheinanlage“ mit einer neuen Bedeutung aufgeladen. Die Frage, was man von Stuttgart alles weglassen kann, oder – anders gesagt – wie man aus Stuttgart eine sich zum Verwechseln ähnliche Stadt macht, ist jetzt zu einer unmittelbar politischen geworden. Der Ausdruck den Kopf hinhalten für Stuttgart muss in diesem Zusammenhang neu bewertet werden.